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Rückkehr nach Madrid, 17. Oktober 2008
Es ist schon eigenartig wie das Leben manchmal so läuft. Nie hätte ich gedacht, dass ich diesen langersehnten Auslandsausfenthalt abbrechen würde. Nie hätte ich gedacht, dass ich eine Krankheit an mir selbst übersehen würde. Nie hätte ich gedacht, dass mich eine tiefe Depression treffen könnte. Immer war ich in der Hoffnung alles in meinem Leben unter Kontrolle zu haben. Ich hatte mich selbst in der Kontrolle, hab immer weitergemacht auch wenn mein Wohlbefinden und meine Gesundheit dagegen sprachen. Nach und nach hatte ich immer öfter versagt, Pläne verworfen oder Aktionen abgebrochen, was bewirkte, dass ich mir noch mehr Druck und Vorwürfe machte, faul und schwach zu sein.
Meine Entscheidungen waren „kluge“ Entscheidungen, mein Gefühl dafür hinkte meistens hinterher. Alles sollte mich „weiterbringen“ sowohl auf individueller, persönlicher Ebene als auch beruflich, finanziell usw.
Viele meiner Lebensentscheidungen bis jetzt waren nie richtig erfüllend und das tut mir von Herzen weh.
Nun sitze ich hier in meinem angemieteten Zimmer in Madrid. Ein schönes Hellblau des Raumes und eine große Landkarte der iberischen Halbinsel vor meinen Augen. Das Nachlämpchen in blau tut sein beruhigendes dazu, nebenher die Musik von Moby.
Alles irgendwie traurig hier. Ich sehe aber auch vieles was ich in meinem schlechten Zustand vor einem Monat nicht sehen konnte. Die Sonne schien heute und es war warm, die Luft war angenehm auf der Haut, aber der Herbst schon deutlich spürbar. Madrid scheint nicht so trist zu sein, wie es mein Eindruck war.
Monica hat mein Zimmer schön hergerichtet, sogar einen Teppich hat sie mir auf diese wunderschöne Holztruhe gelegt...Die Clown-Bilder sind kitschig, aber erinnern mich an die 90er Jahre und passen wunderbar zum hellblau hier.
Ich bin so müde. Und ich merke, meine Entscheidung mein Erasmus-Semester abzubrechen, war die richtige Entscheidung. Trotzdem spüre ich Wehmut und Angst. Wehmut, weil mein Traum vom spannenden, positiv bereichernden, ausgelassenen Auslandssemester zerplatzt ist. Angst, weil ich nicht sicher bin, was vor mir liegt, weil die Vorstellung, finanziell noch bedrängter zu sein, schrecklich ist.
Aber ich bin ruhiger geworden und das zeigt mir schlicht, dass meine Entscheidung stimmig ist. Ich habe aufgehört gegen mich selbst zu kämpfen. Nach so vielen Jahren stehe ich mir meine eigene Kraftlosigkeit zu, genehmige meinem Körper und vor allem meinem Kopf (das wird schwer) die nötige Ruhe. Die Reise nach Madrid und alles was sie mit sich gebracht hat, ist eine unglaubliche Bereicherung gewesen: ich habe gesehen wie viel Kraft ich aufbringen kann auch wenn ich unter Schmerzen leide und wenn mein Körper extrem krank ist, ich habe gesehen, dass ich trotz gewaltiger Sprachbarrieren auf Leute zugehen kann, ich habe gesehen, dass die Welt anders und erlebenswert ist. Ich habe auch gesehen, dass mich Madrid auf einem Umweg zu mir selbst gebracht hat. Eigentlich war es das was ich wollte, mehr zu mir selbst kommen. Ich weiss jetzt zumindest was die letzten Jahre alles falsch gelaufen ist, wie sehr ich mich pushe(n kann) selbst wenn kaum Kraft mehr da ist. Madrid hat mir auch gezeigt, dass viel mehr möglich ist wenn mensch wirklich den Drang dazu hat. Ich habe gespürt welche Menschen wirklich zu mir stehen, welchen Menschen mein Wohlbefinden am Herzen liegt und vor allem, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit für mich da waren, auch wenn viele Hunderte Kilometer und hohe Roamingtarife dazwischen lagen. Besonders für meine Verlustängste war dies eine wunderbare Erfahrung, mich so verbunden und aufgehoben zu fühlen.
Natürlich schmiede ich schon wieder Pläne wie ich aus dieser Situation lernen könnte, was ich machen könnte, um bald wieder auf die Beine zu kommen – sonst wäre ich wohl nicht ich, täte ich das nicht. Aber: ich möchte mir die Ruhe nehmen, die ich mir und die mir die Welt nicht gibt. Und ich werde wieder gesund werden. Und ich werde nichts von all dem bereuen, wie Edith Piaf.
Ich bereue nichts.
Angeblich bricht nun die ruhigste Zeit des Jahres an, für mich genau das Gegenteil. Aber ich möchte den Schlaf der Natur, die Ruhe in der Luft nutzen, um meinen Kopf klar zu bekommen, mein Leben
neu zu starten - auch wenn das Erwachen eigentlich erst zum Frühling gehört.
Ich bin gespannt.
Madrid war eine wunderbare Erfahrung. Ich habs überstanden und hab einen wunderbaren Menschen kennengelernt, hab von einigen Menschen gemerkt, wie sehr sie für mich da sind (und welche es nicht
sind).
Den Menschen, die mir selbst in Spanien das Gefühl gegeben haben, ganz nah bei mir zu sein und mich zu begleiten, möchte ich hier danken: aus tiefstem Herzen ein liebevolles Danke!
Und nun updaten und Neustart...
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